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Israel (Reise) Bericht von Ansgar van Olfen
 

Hochzeitsreise mal ganz anders...

 Drei Monate in Neve Schalom / Wahat al Salam Friedensdorf (Israel)
von Ansgar van Olfen,  aus C-Magazin 4/97

Neve Schalom / Wahat al Salam - Oase des Friedens  

Venedig, Griechenland, Karibik, Dominikanische Republik und was es sonst noch alles so gibt an Reisezielen, die für manch ein frisch vermähltes Pärchen attraktiv sind. Aber wer denkt denn schon daran in einem Friedensdorf zu arbeiten und noch dazu in Israel? Ökofreaks mit einem sozialen Tick? Sicher nicht. Flitterwochen mal ganz anders - Ansgar und Renate van Olfen erzählen von ihren Eindrücken, Erlebnissen und über die politisch-historische Situation des Zusammenlebens verschiedener Völker in Israel.

Alltag erleben

Unser Wunsch war es längere Zeit im Land der Bibel zu leben - und das nicht als Touristen. Wir wollten in Israel die Menschen nicht aus Touristikbussen mit Fernglas beobachten, sondern hautnah mit den Leuten zusammenleben. Zusammenleben heißt für uns, Kontakt zu den Leuten pflegen, die Mentalität kennenlernen, die Probleme und Nöte mit zu tragen, ihren Alltag zu erleben, mit den Menschen der verschiedenen Völker Leben zu teilen. Warum gerade Israel? Israel ist das Land der Bibel, das Heilige Land, in dem Jesus lebte und die Wurzeln unseres Glaubens zu finden sind. Unser Interesse galt auch sich den historischen Hintergründen des Landes zu widmen und zu erahnen warum es immer wieder Unruhen in Israel gibt - gerade in der Stadt Jerusalem, die zu deutsch den verheißungsvollen Namen (Stadt des Friedens) trägt.

Flittervolontariat

Von unseren Hochzeitsgästen ließen wir uns eine Reise nach Israel/Palästina schenken. Meine Frau Renate und ich waren drei Monate Volontäre (freiwillige Helfer) im Friedensdorf Neve Schalom/Wahat al Salam, zu deutsch die Friedensoase. Das Dorf liegt zwischen Jerusalem und Tel Aviv. In Latrun, das unmittelbar in der Nähe liegt, lebt und wirkt die Jesus Bruderschaft aus Gnadenthal. Ebenso ist die Gemeinschaft der Seligpreisungen in Emmaus ansässig (Deutscher Freundeskreis www.Osse-Schalom.de). Vor 25 Jahren gründete der katholische Dominikaner Pater Bruno Hussar das Dorf Neve Schalom. Es sollte ein Ort sein, in dem fromme Juden, Christen und Moslems in Frieden miteinander leben, um so ein Beispiel für andere zu sein und zur Nachahmung anzuregen.

Nichts für Fromme

"Fromme" fanden sich dort nicht, die für längere Zeit in dem Dorf leben wollten. Aber es blieben Menschen, die aus einer politischen Motivation heraus sich an diesem Projekt beteiligen wollten. Wir haben dort die Erfahrung gemacht, dass das Wort "fromm" in den Ohren vieler einen sehr negativen Beigeschmack hat. Gründe liegen wohl darin, dass die sogenannten "frommen" Juden und Moslems ihren "frommen" Lebensstil anderen aufzwingen wollen. Leider sind es gerade die selbsternannten Rechtgläubigen, die Feuer im Konfliktherd schüren.

Politischer Konflikt

Heute leben ca. 120 Menschen in Neve Schalom/Wahat al Salam, davon sind jeweils die Hälfte Juden und Palästinenser. Alle sind jedoch israelische Staatsbürger. Knapp 20% der israelischen Staatsbürger sind Palästinenser. Hinzu kommen die Palästinenser, die in den besetzten Gebieten leben. Die Mehrheit der Palästinenser sind Moslem, eine kleine Minderheit sind Christen. In Neve Schalom/Wahat al Salam sind neben den Moslems auch 50% Christen, darunter auch einige Katholiken. Vor hundert Jahren gab es im Heiligen Land nur sehr wenig Juden. Mit dem Zionismus (der Berg Zion in Jerusalem steht für Israel bzw. für die Heimkehr ins Gelobte Land) begannen Juden wieder verstärkt in das damalige Palästina einzuwandern, was schließlich zu einem großen Problem wurde. Die meisten Juden hatten eine politische Motivation. Sie wollten endlich in einem Land leben, in dem sie nicht mehr unterdrückt und verfolgt werden. Nur eine sehr kleine Minderheit ist aus einer religiösen Überzeugung nach Palästina ausgewandert. Die Palästinenser wollten sich natürlich nicht damit abfinden, dass Fremde ihr Land wegnehmen. Das Problem ist, dass beide das Recht haben dort zu wohnen. Doch bis heute sind viele nicht wirklich bereit, die Rechte des anderen zu akzeptieren und einen Kompromiss einzugehen. Hinzu kommt das Leid, das man sich gegenseitig zufügte. Bisher gab es Fünf Kriege, neben den vielen kleinen und großen Terrorakten auf beiden Seiten. Die Juden haben immerhin seit 1948 wieder einen eigenen Staat, den Palästinenser wird dieses Recht bis heute vorenthalten.

Kulturschock

Neve Schalom/Wahat al Salam ist das einzige Dorf im Nahen Osten, in dem Juden und Palästinenser versuchen, in Frieden miteinander zu leben. In der Grundschule waren wir beauftragt, die Reinigung zu Übernehmen und für Ordnung zu sorgen. Auch im Kindergarten hatten wir Aufgaben Übernommen. Die Kinder lernen von klein auf die arabische und Hebräische Sprache. In der Schule findet der Unterricht in beiden Sprachen statt, somit lernen die Kinder beide Kulturen kennen. Uns selbst ist es anfangs schwergefallen, jüdische und arabische Kinder vom Aussehen her zu unterscheiden. Einige Araber sehen aus wie Europäer und manche orientalische Juden sehen aus wie Araber. Ebenso ging es uns mit den Schriftzeichen der jeweiligen Sprachen, die für einen Europäer doch etwas fremdartig sind. Das Kennenlernen der Kulturen und deren Akzeptanz ist ein wichtiger Beitrag zur Völkerverständigung und dient zum Abbau von Vorurteilen und gegenseitigen engsten. Neve Schalom/Wahat al Salam ist ein Beispiel dafür, was aber nicht heißt, dass es dort keine Probleme gibt.

Friedensschule

Ganz im Gegenteil, man lebt und erfährt dort den Konflikt viel intensiver als anderswo. Wichtig ist, stets im Gespräch zu bleiben und gemeinsam eine Lösung zu suchen. Ein großer Wunsch, von dem inzwischen verstorbenen Gründer Pater Bruno Hussar, war es, eine Friedensschule zu gründen. Auf der ganzen Welt gibt es Schulen, in denen man lernt Kriege zu führen. In Neve Schalom/Wahat al Salam ist eine Schule entstanden, in der man lernt, in Frieden miteinander leben zu können. Hier geschieht eine wirkliche Begegnung zwischen Juden und Palästinenser. Die Friedensschule hat inzwischen einen weltweit angesehenen Namen. Inzwischen gibt es auch Projekte dieser Art in Nordirland.

Leben mit der Angst

Was wir sehr stark in Israel erlebt hatten, ist die ständige Angst vor Terroranschlägen. Überall im Land sieht man mit Maschinengewehr bewaffnete Polizisten und Soldaten. Die Grundschule in Neve Schalom ist mit einem Zaun umzogen. Zusätzlich gibt es einen Wachmann, der an jedem Schultag anwesend ist. Selbst auf einem Schulausflug wurden die Kinder von einem Vater begleitet, der eine Waffe bei sich trug. Diese Sicherheitsmaßnahmen sind sicher sinnvoll, aber das Problem ist weniger die Anzahl der wirklichen Opfer. Vielmehr treibt die ständige Angst zu solchen Mitteln. In Israel sind Berichten zufolge mehr Menschen im Verkehr ums Leben gekommen, als in allen Kriegen und Terroranschlägen zusammen. Für Touristen und Pilger ist dieses Land sicherer als die USA, Ägypten und die Türkei, da auf sie nicht gezielt Anschläge verübt werden.

Holocaust

In Israel wurden wir als Deutsche sehr stark mit dem Holocaust konfrontiert. Wir waren dabei, als in der Grundschule der Nationale Gedenktag der Opfer und der Widerstandskämpfer begangen wurden. Es war ein bedrückendes Gefühl die Fotos mit deutschen Inschriften zu lesen. Dabei zu sein, wie den Kindern erklärt wurde, dass mein Volk vor 50 Jahren wehrlose Kinder umgebracht hatte. Manchmal hätte ich mich lieber als Holländer oder Schweizer ausgegeben. Ich habe gemerkt, dass für die Opfer und ihre Nachkommen noch lange nicht die Zeit des Vergessens gekommen ist. Ein Gläubiger Jude namens Shai erzählte uns, dass er selbst keine Angehörigen in den Schrecken des Zweiten Weltkrieges verloren hatte. Allerdings habe er bei einer Deutschlandreise, sein distanziertes Verhältnis zu den Deutschen gespürt, insbesondere gegenüber den älteren Menschen. Einer davon hätte ja ein Nazi sein können. In der Familie seiner Ehefrau wurden allerdings Verwandte umgebracht. Shais Ehefrau begegnet noch heute den deutschen Volontären im Friedensdorf mit Zurückhaltung. So manches mal musste ich die Erfahrung machen, ein Deutscher zu sein bedeutet, schmerzhafte Erinnerung bei vielen Juden zu wecken und Zurückhaltung in der Begegnung miteinander. Ich glaube, wir Deutsche haben eine besondere Verantwortung dem Volk gegenüber, das zuerst die Gnade empfangen hat (Röm 9-11). Dies gilt besonders für uns Christen, nicht nur wegen der Nächstenliebe, sondern auch wegen des Unrechts, das im Namen des Christentums an den Juden begangen wurde. Wir sollten anfangen Frieden und Versöhnung zu stiften.

Ein alter Freund namens Jesus

Uns ist es wichtig, für das Land Israel und dessen Menschen zu beten, damit in Jerusalem, in der Stadt des Friedens Ruhe einkehrt. Auf unserem dreimonatigen Aufenthalt in Israel haben wir sehr viel erlebt und gesehen. Wir waren beeindruckt von der Schönheit des Landes. Wir sind vielen Menschen begegnet, wir haben die Gastfreundschaft der Menschen dort erleben dürfen, doch vor allem: die Geschichte der Bibel wurde lebendiger für mich. Ich hatte den Eindruck, Gott in diesem Land, in dem er selbst lebte, näher zu sein. Manchmal hatte ich das Gefühl, einen alten Freund namens Jesus zu Hause zu besuchen. Eine Hochzeitsreise, die für uns in bleibender Erinnerung sein wird.

Dieser Artikel erschien in C-Magazin 4/97. Es war die letzte Ausgabe ein katholischen charismatischen Zeitschrift die von der Gemeinschaft Imanuel, Ravensburg herausgegeben wurde. Der Text weicht teilweise von meinem original ab, ist dafür aber leichter zu lesen als mein Original. Überarbeitet wurde der Text von Barbara Regnat.

 

 

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